Zeitnah?

Wer die deutsche Sprache aufmerksam benutzt, ist es gewohnt, für zeitliche Verhältnisse räumliche Metaphern zu finden. Wenn die Zeit knapp wird, sagen wir beispielsweise auch, sie wird „eng“. „Der Sommer war sehr groß“ schreibt Rilke über den Zeitraum von Juni bis August. Das sind Metaphern, bildliche Ausdrücke, die ich verstehen kann, weil mir dazu eine Vorstellung möglich ist. Räumliche Metaphern für zeitliche Verhältnisse funktionieren, weil wir über ein räumliches Vorstellungsvermögen verfügen – ein zeitliches dagegen fehlt uns. Wir können uns kein inneres Bild von einem rein zeitlichen Verhältnis machen, beispielsweise der Zeitraum von jetzt an bis in fünf Minuten. Zum Verrinnen der Zeit gewinne ich kein Bild, es sei denn ein räumliches: Sie rinnt herab. Das schöne an räumlichen Bildern für zeitliche Sachverhalte ist: Sie sagen meist mehr als nur das zeitliche Verhältnis aus. Wenn es eng wird, spricht auch der Druck aus dem Bild, die kleiner werdenden Handlungsmöglichkeiten. Der „sehr große Sommer“ überspannt einen riesigen Zeitraum mit einem sonnigen, blauen Himmel unter dem all die unendlich vielen Möglichkeiten auf uns warten, die es nur im Sommer gibt, wenn er wirklich warm ist.

Und dann: Zeitnah. Können Sie den Auftrag zeitnah ausführen? Kein Bild. Nirgends. Man hätte auch einfach „bald“ schreiben können oder „heute noch“ oder „gleich“. Und es wäre besser gewesen. Im Modewort zeitnah wird ein bildlicher Mehrwert angetäuscht, den das Wort nicht einlöst: Eine Enttäuschung. Ich frage mich da immer: Welcher Zeit denn nah? Dem Mittelalter? Den Abendstunden? Das Wort ist für sprachsensible Ohren so sinnvoll wie raumbald. „Stell doch mal die Butter raumbald zu mir rüber, damit ich mir meine Semmel schmieren kann.“ Wir sollten am zeitnächsten damit aufhören, so überflüssige Modevokabeln zu benutzen. Ich vermute, das Wörtchen zeitnah konnte sich nur deshalb so breit durchsetzen, weil es das barsche „jetzt“ oder „sofort“ ersetzt. Zeitnah setzt angemessen unter Druck, ohne unmittelbar zu brüskieren.

Eine winzige Korrektur könnte der blassen Vokabel gleichwohl eine gewisse Anschaulichkeit verleihen. Wie finden Sie „zeitpunktnah“? Da sieht man einen Punkt auf einer Fläche und gleich daneben soll es passieren. Modewort gerettet? Nein. Denn das hässliche Wort „zeitpunktnah“ gibt es schon in einer sehr viel schöneren Traditionsvariante: demnächst.

Ausnahme: Wenn Sie mit zeitnah ausdrücken möchten, ein Künstler beispielsweise verhält sich mit seinem Werk zu seiner Gegenwart und hat seinen Zeitgenossen etwas zu sagen – dann tut er das durchaus zeitnah. Man hat auch gleich ein Bild im Kopf: Ein Künstler steht neben der Zeitlinie, die seine Epoche darstellt. Er äußert sich zu Themen, die ihm und seinen Zeitgenossen nahe sind und ist so seiner Zeit nah.